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Kirchenlinden zu Kleinholz geschreddert

Harbke, den 13.12.2017

Gegen Widerstand aus dem Ort sind die Linden an der Harbker Kirche gefällt worden. Beschlossen hatte das der Kirchenvorstand der Pfarrei.

 

 Als das Vorhaben der Pfarrei Oschersleben, die Eigentümerin der Kirche auf dem Thymiansberg ist, wenige Tage zuvor in Harbke die Runde machte, war die Messe wohl schon gelesen. Weder Bürgermeister Werner Müller, der in der Angelegenheit noch persönlich in Oschersleben vorstellig wurde, noch eine von den Harbker Imkern an das Bistum in Magdeburg gerichtete Eingabe vermochten den Kirchenvorstand von der Fällung der mehr als hundert Jahre alten Bäume abzubringen. Die Linden waren anlässlich der Erbauung des Gotteshauses auf dem Thymiansberg 1913 gepflanzt worden.

Enttäuschung und Empörung sind nun die Folge, da bereits kurz nach den Rettungsversuchen und Kompromissangeboten schon vier der sechs Linden „geköpft" waren. Pfarrer Christoph Sperling reagierte auf Nachfrage der Volksstimme abweisend. Er müsse seiner „Verwunderung Ausdruck verleihen", dass sich die Lokalpresse hierbei einschalte. Es sei „unser eigenes Grundstück und kein Verbrechen, sondern alles rechtens." Zu den Gründen, die zu dem Entschluss geführt hatten, wolle er sich „nicht öffentlich äußern, da es meiner Meinung nach nicht möglich ist, die sehr komplexen Hintergründe objektiv in einem Zeitungsartikel darzulegen." Sperling äußerte außerdem, er sei „nicht daran interessiert, Konflikte in der Zeitung auszutragen." Er verwies auf den Kirchenvorstand, dessen Beschluss „auf jahrelange und reifliche Überlegungen" zurückgehe.

Enttäuschung über die Fällung

Von anderer Seite ist zu hören, dass offenbar das viele Laub nebst Entsorgung zu einem Dauerproblem geworden sei, sich zudem eine Anwohnerin des Thymiansbergs mehrfach darüber beschwerte. Dazu sagt Bürgermeister Werner Müller: „Wenn das der Grund ist, habe ich kein Verständnis für die Fällung. Beim Gespräch in Oschersleben habe ich angeboten, dass die Gemeinde die Laubentsorgung und möglicherweise auch die Reinigung der Dachrinne übernehmen könne." Zu diesem Zeitpunkt sei er optimistisch gewesen, die Fällung stoppen zu können.

Auch die Bienenzüchter im Ort hatten angeboten, das faulende Laub regelmäßig vom Dachrand zu entfernen. „Diese Linden sind hier zeitweise die einzige Nahrungsquelle für Insekten", meint Hobby-Imker Bernd Richter. Und weiter: „Dass die Bäume einen Erhaltungsschnitt zur Verkehrssicherung brauchen, bestreitet keiner, aber sie deswegen gleich zu fällen, ist deutlich übers Ziel hinaus geschossen."

Da die Gemeinde Harbke keine Baumschutzsatzung erlassen hat, sei die Fällung rechtlich zulässig, erklärt Werner Müller. Aus ethischer Sicht hätte er sich ein anderes Vorgehen von einer Kirche erhofft. 

Sommerschenburger sammeln Unterschriften

In Völpke sind von der Oschersleber Pfarrei beabsichtigte Fällungen jüngst durch die kommunale Baumschutzsatzung verhindert worden. Anders liegt der Fall im benachbarten Sommerschenburg. Auch am dortigen katholischen Gotteshaus sollen die Bäume nach Volksstimme-Informationen komplett weggenommen werden. Wie in Harbke besteht auch hier kein kommunales Satzungshindernis. Allerdings regt sich, ausgehend von der Berichterstattung über das Vorgehen in Harbke, nun reger Protest gegen die Kirchenpläne in Sommerschenburg.

„Analog zu Harbke ist der Beschluss bereits gefasst und vermutlich auch der Auftrag schon vergeben worden", teilte eine Quelle, die nicht öffentlich genannt werden möchte, der Volksstimme mit. Pfarrer Christoph Sperling hatte die Aussage auf Nachfrage nicht konkret bestätigt, jedoch auch nicht dementiert. 

„Was in Harbke passiert ist, hat jetzt auch uns Sommerschenburger aufgerüttelt", sagt dazu Gemeinderat Volker Quedenfeld. „Wir haben im Rahmen unseres Weihnachtsmarktes spontan eine Unterschriftensammlung gestartet, der sich binnen kurzer Zeit 150 Leute angeschlossen haben." Die Liste wolle man nun beim Kirchenvorstand einreichen. Man hoffe, auf diese Weise deutlich zu machen, dass „uns die ortsbildprägenden Bäume, die offenbar ohne Not angegangen werden sollen, am Herzen liegen", und noch einen Stopp der Kirchenpläne zu bewirken. „Die Kirche tut sich doch auch selbst keinen Gefallen mit diesen Aktionen", meint Volker Quedenfeld. „Als Institution sollte sie zusammenführen, stattdessen ist hier wie in Harbke das Entsetzen groß und entsteht Wut." 

Eine Kopie der Unterschriftenlisten hat die Gemeinde inzwischen auch an das Bischöfliche Ordinariat nach Magdeburg geschickt, dazu ein Schreiben, in dem sachlich dafür argumentiert wird, von der Fällung der Bäume abzusehen. Unter anderem heißt es darin: „Das Verschwinden der Bäume in Sommerschenburg würde nicht nur den schönen Anblick am Dorfeingang unwiederbringlich zerstören, sondern auch eine erhebliche Belastung für den Ortsfrieden und das Ansehen der katholischen Kirche in der Bevölkerung nach sich ziehen. Zudem würde in schmerzlicher Weise die Dorfgeschichte ignoriert, da die Linden unmittelbar in den historischen Zusammenhang mit der 1936 eingeweihten St. Bernwardskirche gehören. Für einen solchen Schritt müssten schon ganz unabweisbare Gründe vorliegen. Unsere Einwohner und die Gemeinde sollten einen klaren Anspruch darauf haben, solche Gründe nachvollziehbar erläutert zu bekommen."

 

Foto: Die großen Linden an der Harbker Kirche sind Stück für Stück gefällt worden. Das sorgt im Ort für großen Unmut. Foto: Bernd Richter

 

Text: Ronny Schoof - Volksstimme

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Kirchenlinden zu Kleinholz geschreddert