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Der Lappwaldsee bei Harbke und die Frage nach seinem Wasserstand

Aus zwei Wasserflächen wird bald eine, doch wo wird der Lappwaldsee – rechterhand Harbke, am oberen Bildrand Helmstedt – letztlich eingepegelt? Foto: Ronny Schoof (Bild vergrößern)
Bild zur Meldung: Aus zwei Wasserflächen wird bald eine, doch wo wird der Lappwaldsee – rechterhand Harbke, am oberen Bildrand Helmstedt – letztlich eingepegelt? Foto: Ronny Schoof
Es ist bei Planern, Abwicklern und auch Anwohnern so etwas wie die Gretchenfrage: Auf welcher Höhe über Normalnull (NHN) wird sich der Lappwaldsee einpegeln? Reiner Orlowski, Diplom-Ingenieur aus Harbke und ausgewiesener Fachmann für Harbkes Tagebaurestloch, liefert dazu nähere Betrachtungen.

 

Der Lappwaldsee bei Harbke wird zukünftig ein wichtiges Freizeitgewässer der Region werden. Das dauert allerdings noch einige Jahre. Aber schon jetzt stellt sich die Frage: Wie hoch wird eigentlich der Wasserstand de Sees einmal sein?

In der Berechnung des Grundwasseranstiegs ist ein Endwasserstand von 103,6 m NHN ausgewiesen. Darauf bezog sich bisher auch das Vorgehen des Planungsverbands Lappwaldsee. Der Bergbauträger und die das Restloch sanierenden Unternehmen prüfen zurzeit die Möglichkeit, den Endwasserstand auf 112,5 m NHN anzuheben, damit das Wasser frei abfließt. Das Ergebnis dieser Prüfung wird Ende 2023 erwartet. Somit liegt die Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens auf Eis, weil der Endwasserstand nicht verbindlich genannt werden kann.

Der Anstieg des offenen Wasserspiegels im Lappwaldsee und in dem ihn umgebenden Erdreich wird vom Niederschlag, aber hauptsächlich vom zufließenden Grundwasser bestimmt. Fremdwassereinspeisung verkürzt lediglich die Zeit für den Füllvorgang. Die Restlöcher der drei Tagebaue Harbke (Wulfersdorf), Helmstedt und „Anna Süd“ liegen in der mit tertiären Sedimenten und Braunkohlenflözen ausgefüllten Ostmulde. Die erstreckt sich trogförmig von Barneberg bis Emmerstedt. Unter der Oberflözgruppe, die von den Tagebauen abgebaut ist, liegt ein bis zu 30 Meter mächtiger Grundwasserleiter (GWL 4). Er ist die im Untergrund befindliche, hydraulisch kommunizierende Verbindung zwischen den Restlöchern.

In der Nähe des Ortes Reinsdorf trifft eine geologische Verwerfung auf die Ostmulde. Das sich in dieser Störungszone sammelnde Grundwasser infiltriert den GWL 4 und wird an der äußerst steil stehenden Flanke von Barneberg/Offleben gestaut. Hier baute sich, eingezwängt unter der Oberflözgruppe, im GWL 4 zwangsläufig ein erheblicher, artesischer Druck auf, was die Entwässerung in der Hohnsleber Mulde schon immer bestimmt hat. Belege dafür sind mehrere Wasserdurchbrüche, mit den die Tagebaue im 20. Jahrhundert immer wieder zu kämpfen hatten.

 

Bedeutsame Randbedingung

Die geologische Verwerfung, der Sommersdorfer Querspaltenzug, der sich als Tal in der Landschaft von Sommerschenburg durch Sommersdorf vorbei an Hohnsleben bis nach Reinsdorf erstreckt, speiste bis in die 1960er Jahre auch ergiebige, aufsteigende Verwerfungsquellen (Schelleken, Günz und Trögen, sowie Pastorenbrunnen und Quelle Lohse), deren Schüttungen nach der Inbetriebnahme der Brunnen am ehemaligen Wasserwerk Wulfersdorf (BRD) und infolge der Entwässerung des Tagebaues Harbke (DDR) stark nachließen bzw. ganz versiegten.

Die Einzugsfläche dieser Störung, die nord- und südwestlich von Sommerschenburg liegt, ist größer und ergiebiger als die an der östlichen Flanke des Tagebaus Harbke befindlichen Einzugsgebiete des Harbker Mühlenbaches und der Wirpke. Das ebenere Gelände lässt mehr Versickerung zu als das hügelige Relief des Lappwalds. Außerdem befinden sich hier weitere tektonische Klüfte, die eine direkte Verbindung zum Sommersdorfer Querspaltenzug haben.

Diese für den Anstieg des Lappwaldsees bedeutsame Randbedingung wurde in der Grundwasseranstiegsberechnung (1992) nicht bewertet, weil ihr Einfluss auf die hydrologische Situation des Wiederanstiegs so nicht bekannt war und auch die Analyse der hydrologischen Situation in den Innenkippen (1994) diesen Kenntnisstand übernahm. Der Harbker Mühlenbach, dessen Lauf ursprünglich über die unverritzte Abbaufläche des Tagebaues führte, wurde mehrfach verlegt und fließt heute am östlichen Rand entlang. Die Bachsohle liegt eingangs des Tagebaus auf 121 m NHN und am Ausgang auf etwa 112 m NHN.

Soll das Wasser nun, wie beabsichtigt, künftig aus dem Lappwaldsee frei abfließen, könnte sich der See bis zum Endwasserspiegel nur durch Niederschläge auffüllen. Bedingt durch die meteorologischen und die herrschenden hydrogeologischen Verhältnisse erhebt sich nun die Frage, ob sich der Endwasserstand damit überhaupt einstellen wird.

Dagegen sprechen die gesunkene Niederschlagshöhe der letzten fünf Jahre um Harbke bei gleichzeitig gestiegener Verdunstung auf der freien Wasseroberfläche. Über der künftigen Seefläche weist diese Bilanz ein klares Defizit auf. Der Klimawandel prognostiziert eine weitere Abnahme der Niederschlagshöhe und eine zunehmende Verdunstung.

Neben weiteren Aspekten auch zu bedenken: Der Harbker Mühlenbach führt aus seinem rund zehn Quadratkilometer großen Einzugsgebiet im Durchschnitt 0,8 bis 1,2 Kubikmeter Wasser pro Minute ab. Das wird am Tagebau vorbei geleitet und zur Flutung des Lappwaldsees nicht genutzt. Die Kippen- und Restlochflächen hingegen tragen zur Grundwasserneubildung nur in geringem Maße bei, ebenso wie der zeitweise trockene Große Graben an der Oberkante des Restlochs Helmstedt.

 

Hydraulische Konstanz

In Betrachtung aller Gegebenheiten lässt sich der Schluss ableiten: Gleichen sich Wasserstand vom Lappwaldsee und vom Restloch „Anna Süd“ auf 102,5 m NHN aus, hört der Zustrom auf. Eine beabsichtigte Erhöhung des Wasserspiegels auf 112,5 m NHN im Lappwaldsee würde bedeuten, dass das Wasser dann über die hydraulische Verbindung des GWL 4 in umgekehrter Richtung dem Restloch „Anna Süd“ zufließt, sich aber immer wieder ausgleichen wird, denn der Abfluss über den Vorfluter „Kupferbach“ hält den Wasserstand im Restloch „Anna Süd“ konstant auf 102,5 m NHN. Eine Anhebung des Wasserstands im Lappwaldsee auf 112,5 m NHN wird faktisch so nicht möglich sein.

 

Text: Reiner Orlowski